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Wuji Zhuang – Stehend den Gipfel des Nichts erreichen

(von Ausbilder Tobias Puntke M.A.)

Wuji, diesen Begriff haben viele Übende der inneren Kampfkünste, der Meditation und des Qi Gong schon einmal gehört. Wuji, der Urzustand: Yin und Yang sind noch nicht manifestiert, ein Zustand jenseits aller Teilungs- und Unterscheidungsmöglichkeiten, ein Zustand des höchsten Potentials, der Gipfel des Nichts, so lauten gängige Übersetzungen.

Vielleicht sind dem einen oder anderen auch schon einmal die folgenden Zeilen von Lao Zi begegnet:

        „Das Dao erzeugt die die Eins,
        die Eins erzeugt die Zwei,
        die Zwei erzeugt die Drei
        und die Drei erzeugt die zehntausend Dinge.“
        (Kap 42)

 
Und mit noch mehr Glück haben wir vielleicht auch noch eine weitergehende Erklärung dazu erhalten: Am Anfang ist Wuji die Leere, durch das Wirken des Dao entsteht daraus eine (Qi-) Kraft, die das Taiji, die harmonische, untrennbare Einheit von Yin und Yang, also die „Eins“, erschafft.

Wenn die ursprüngliche Einheit sich teilt, entstehen zwei unterscheidbare Kraftpole – Liang Yi, Yin und Yang sind geboren. Interagieren diese beiden Kräfte nun miteinander, entsteht etwas Neues; die „Drei“ wird geboren. Dies bezeichnet das Konzept von San Cai – Himmel, Erde & Mensch.

Aus der Interaktion von Himmel, Erde und Mensch entstehen die 10.000 Dinge (Wan Wu), d.h. all die Dinge der Welt, die uns umgeben.

Ein Hauch von Ehrfurcht mag uns angesichts dieses alten metaphysischen Wissens Chinas streifen.

Nach einiger Zeit aber werden aber vielleicht weitere Fragen entstehen: Was hat denn das jetzt mit unserem Leben zu tun? Gibt es eine konkrete Bedeutung für Alltag und Übung? Oder hatten die alten Chinesen einfach nur große Freude an Wortspielen… metaphysischer Poesie? Wieso schreibt jemand so etwas, der auch sagt: „Wer weiß, redet nicht, wer redet weiß nicht?“.
Manch ein kluger Kopf wird sich bei der Abstraktheit von Lao Zi’s Darlegungen vielleicht fragen, ob er vielleicht zu dumm ist es zu verstehen oder ob Lao Zi selbst wusste, was er dort schrieb…

Im Unterricht begegnen wir dann einer Stehübung mit dem Namen Wuji Zhuang. Locker und natürlich stehend, entspannen wir uns von oben nach unten.
Der Körper wird locker, der Geist ruhiger – sehr angenehm, aber was hat das mit den obigen metaphysischen Ausführungen über Wuji zu tun?
Gibt es da einen Zusammenhang?

Die Antwort ist einfach: Ja, es gibt einen ganz einfachen Zusammenhang.
Lao Zi beschreibt nicht etwa metaphysische Gedankenspielereien, sondern sein konkretes Erleben.
D.h. Wuji ist ein Zustand! Und die Stehübung öffnet uns das Tor zu diesem Zustand.

Dazu muss man wissen, dass es bei dieser Übung, wie bei allen anderen, verschiedene Tiefen gibt.
An der Oberfläche finden wir eine Entspannungs- und Lockerungsübung, in der Tiefe liegen Dinge verborgen, mit denen wir vielleicht nie gerechnet hätten.

Der Prozess zur Erlangung des Wuji-Zustandes zeichnet sich durch zwei (vermeintliche) einfache Forderungen aus:

   1. An Jing – In die Stille eintreten

   2. Fang Song – Lösen, entspannen und loslassen.


Zu jeder dieser Forderungen gibt in der konkreten Übungsmethodik verschiedene Unterpunkte:

1. Innerlich in die Stille eintreten (Nei Jing)


In dieser Phase lernt der Übende seine Gedanken (Yi), seine Gefühle (Xin) und seine inneren Organe (Nei Zhang) zu beruhigen und somit innerlich still zu werden.

2. Äußerlich in die Stille eintreten (Wai Jing)

Äußerlich in die Stille einzutreten bedeutet, die Kontrolle über seine Sinnesfunktionen wieder zu gewinnen und zu lernen, sich von allen äußeren Einflüssen abzuschotten. So wird unser Geist von allen äußeren Ablenkungen frei.

3. Innerlich lösen (Nei Song)


Das innere Lösen bezieht sich auf ein tiefes Loslassen auf der Ebene der Gedanken, des Fühlens und der inneren Organe.

4. Äußerlich lösen (Wai Song)

Das äußere Lösen bezieht sich auf die tiefe Entspannung des Körpers von der Körperoberfläche bis hinein in die tiefsten Schichten des Körpers, die Knochen und das Knochenmark.

Was geschieht, wenn wir all diesen Forderungen wirklich nachkommen können?

Wir erreichen einen Zustand, der im Chinesischen mit „Daodao WangWo De JingJie“ beschrieben wird.
Auf Deutsch können wir dies ungefähr mit „Einen Zustand der Selbstvergessenheit und der Entgrenzung“ übersetzen.

Dies ist der Kern des Wuji Zustandes! Aber warum sollte man sich darin üben einen solchen Zustand zu erreichen?

Durch das Entspannen und Beruhigen des Körpers werden wir locker und weich. Der Körper wird wieder geschmeidig, Verspannungen lösen sich, die Energieleitbahnen werden geöffnet und die Emotionen werden balanciert.

Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für alle weiter führenden Übungen, sei es nun in Bewegung oder Stille. Der Aufbau von Struktur, Zentrierung, ökonomischer Bewegung und spontaner Reaktionsfähigkeit ist erst wirklich möglich, wenn wir am ganzen Körper entspannt sein können.

Durch das innere Lösen im Bereich der inneren Organe werden Blockierungen aufgehoben. Das Qi wird stärker. Eine tief greifende Gesundheit kann sich zunehmend wieder einstellen.

In der ersten Phase des Übens schärft sich dadurch unsere Körperwahrnehmung auf ein noch nie da gewesenes Level. Haben wir aber einmal eine gewisse Durchlässigkeit erreicht, geschieht etwas Neues: Der Körper verschwindet nach und nach vollständig aus unserer Wahrnehmung. Ein großer Teil dessen, womit wir uns bis jetzt identifiziert haben, hört auf zu existieren. Die Trennung zwischen Innen und Außen fällt.

Lao Zi schreibt:

        „Dreißig Speichen teilen die Nabe;

        Das Loch in der Mitte macht es brauchbar.

        Forme Lehm zu einem Gefäß;

        Der innere Raum macht es brauchbar.

        Brich Türen und Fenster in ein Zimmer;

        Die Öffnungen machen es brauchbar.

        Man zieht Gewinn aus dem was ist;

        In dem man Nutzen aus dem zieht, was nicht
        da ist.“

In dem wir im Weiteren lernen unsere Sinne bewusst von außen abzuschotten, werden wir nicht nur freier von äußeren Störungen, was für die Übungen eine große Hilfe ist, sondern unsere Wahrnehmung verlagert sich auf eine vollständig andere Ebene.
Das unmittelbare Erspüren der Dinge tritt in den Vordergrund.

Lao Zi schrieb hierzu:

        „Die fünf Farben blenden das Auge.

        Die fünf Töne betäuben das Ohr.

        Die fünf Würzen stumpfen den Gaumen ab.

        …

        Darum tragen reife Menschen Sorge für das
        Zentrum und nicht fürs Auge.

        Sie verwerfen das Eine und empfangen
        das Andere.“


Was aber ist nun die Bedeutung des nächsten Lernschrittes: Die Beruhigung  und das Loslassen/Lösen von Denken (Yi) und Fühlen (Xin)?

In unserem Alltagsleben sind wir von den Bewegungen auf der Ebene unseres Denkens und Fühlens bestimmt und identifizieren uns in aller Regel mit Ihnen. Im Daoismus bezeichnet man dies als „Shi Shen“, das „Jedermannbewusstsein“ Viele der ungelösten Aufgaben und Probleme unseren Lebens haben damit zu tun, dass wir versuchen einer sich ständig wandelnden Welt mit einem festen Repertoire an Gedanken, Gefühlen, Werten und Überzeugungen zu begegnen, die wir in der Regel für unsere Persönlichkeit halten. Mit Hilfe unseres Willens versuchen wir das, was uns im Leben wichtig ist, zu erreichen. Das ist die Welt des Yowei – Die Welt des bewussten Entscheidens und Handelns sowie des Abgrenzens und Unterscheidens.

Den sich ständig verändernden Anforderungen der Welt mit einer zwangsweise begrenzten Anzahl an (festen) Lösungswegen zu begegnen führt zwangsläufig früher oder später zu Problemen in Form der vielen großen und kleinen Krisen und Tragödien unseres Lebens. In der Zen-Tradition gibt es das Sprichwort, dass man zuerst seinen Becher leeren muss, damit man neuen Tee empfangen kann. Genau so ist es mit unserem Geist. Gelingt es ihn zu leeren, so kann etwas Neues entstehen.

In dem wir einen Zustand der Selbstvergessenheit und Entgrenzung erreichen und so die engen Fesseln unserer so genannten „Persönlichkeit“ oder dessen, was wir dafür halten, sprengen, finden wir über die bisher erfahrenen Begrenzungen unsere Lebens und unserer Person hinaus. Wir erreichen einen Zustand, in dem, wie bei einem kleinen Kind, wieder fast alles möglich ist. Ein Zustand höchster Lern- und spontaner Anpassungsfähigkeit an die Wandlungen dieser Welt.

Aus der Selbstvergessenheit drückt sich das, was wir wirklich sind, in Form eines spontanen Impulses aus, da die Beschränkungen unseres Denkens, Fühlens und Glaubens wegfallen.

Unser persönlicher Weg (Dao) entfaltet sich aus einem Zustand der Leere (Wuji) durch eine tief von innen kommende (Qi-) Kraft. Unsere Ursprüngliche Kraft und Weisheit beginnt sich nach und nach zu entfalten. Dies bezeichnet man als die Rückkehr des ursprünglichen Geistes (Yuan Shen).

Auf diese Weise entfaltet sich ohne eine bewusste Handlung (Wuwei) unsere Persönlichkeit mit allen ihr innen wohnenden Möglichkeiten von selbst. Dies ist der Anfang davon, das zu werden, was die Daoisten einen „wahren Menschen“ (Zhen Ren) nennen.

Ein Mensch der über die engen Begrenzungen seiner Persönlichkeit hinaus gefunden hat, der einfach und schlicht ist, wie er ist: Eins mit sich und der Welt. Ein Mensch, dessen äußere und innere Belange sich ganz natürlich (Zhiren) und wie von selbst (Wuwei) erledigen. Lao Zi schreibt dazu:

        „Die Weisen regieren, indem sie die Herzen leeren,

        Die Bäuche füllen, den Ehrgeiz schwächen und

        Die Knochen stärken.

        Halte die Menschen ständig unschuldig und wunschlos,

        Dann werden sich die Schlauen nicht einmischen.

        Wenn nichts getan wird, wird sich alles zum Guten fügen.“

Um all das praktisch erfahren zu können, bildet die Erfahrung des Wuji Zustandes eine wichtige Grundlage.
Die Wuji Stehmeditation bietet hierfür einen erprobten und zuverlässigen Weg.

 

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