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Die Vertiefungsstufen des Formentrainings im TaijiDao-System (Teil 1)

(von Ausbilder Tobias Puntke)

Das Üben der Formen ist nach allgemeiner Auffassung ein wesentlicher Weg der inneren Kampfkünste, um die eigene Gesundheit zu verbessern, die Verteidigungsfähigkeit zu steigern und zu einer Einsicht über sich selbst und die Welt zu gelangen.

Wie die Formen allerdings zu üben sind, damit diese Ziele erreicht werden können, darüber herrscht oftmals ein großes Maß an Unklarheit.
Viele verschiedene und oftmals widersprüchliche Informationen erschweren dem Übenden häufig die Orientierung im Übungsprozess.

Nur ein fundiertes und nachvollziehbares Vertiefungsstufenkonzept für das Formtraining vermag hier Abhilfe zu schaffen.

Meister Shen Xijing hat nach langem Studium die klassischen Übungstheorien der Formen mit dem Stufenkonzept der klassischen daoistischen Schulung zu einer integralen Einheit verbunden.

Das so entstandene Vertiefungsstufenkonzept des Formtrainings ist eine Landkarte des Entwicklungsprozesses im Training der inneren Kampfkünste und bietet dem Übenden somit einen Leitfaden für seinen eigenen Trainingsprozess.
Außerdem erlaubt es eine zielgerichtete und ökonomische Entwicklung des Übenden.

Die oftmals zu beobachtende Kompensation eines klaren Verständnisses durch einen blinden Trainingseifer bleibt dem Übenden somit erspart.
Die für das Training vorhandenen Zeit- und Energieressourcen können somit optimal genutzt werden und die individuelle Entwicklung des Übenden kann optimal gefördert werden.

Das Konzept umfasst sechs aufeinander aufbauende Stufen, die sich jeweils wieder in verschiedene Unterstufen untergliedern. Um diesen Vertiefungsprozess zu durchlaufen, wird traditionell ein Zeitraum von zehn Jahren angesetzt.

Im Laufe dieses Prozess lernt der Übende nicht nur die äußere Bewegung zu meistern, sondern auch Körper, Geist und Energie zu harmonisieren, um zur ursprünglichen Einheit zurückzukehren.
Er lernt sich selbst zu meistern und schafft damit die Grundlage zur Meisterung seines Lebens und der Welt.

Die sechs Vertiefungsstufen sind:

In diesem Artikel werden wir die Inhalte der ersten Stufe näher beleuchten. Die weiterführenden Stufen werden in weiteren Artikeln folgen.

Erläuterungen zur ersten Stufe des Formübens:

TaoLu Xun Lian

I. Das Erlernen des Formablaufs

Im ersten Schritt gilt es den Ablauf der Form und die Bezeichnungen der einzelnen Figuren zu erlernen und sich Klarheit über die einzelnen Stände, Körperpositionen und Handhaltungen zu verschaffen.
Ein aufmerksames Beobachten des Lehrers, gezielte Fragen und vor allem regelmäßiges selbstständiges Üben können helfen, diese Phase in absehbarer Zeit zu absolvieren. Häufig endet das Bemühen der Übenden schon nach diesem ersten Schritt. Jedoch kann nur eine weitere Vertiefung zu wirklichen Erfolgen und zu einem wirklichen Nutzen des Formtrainings führen.

II. Das Klären der einzelnen Bewegungsphasen

Nachdem der grobe Ablauf erlernt ist, gilt es die einzelnen Ablaufphasen der Figuren herauszuarbeiten, um zu einem differenzierteren Verständnis der Bewegungen zu gelangen.
Hierbei ist es besonders hilfreich, wenn der Lehrer die einzelnen Phasen nicht nur zählt, sondern ihre Zuordnung zu den acht Toren (Ba Men), den 5 Schritten (Wu Bu) und ggf. den 13. Schlüsselzeichen (Shisan Zi Yue) erläutert. Ferner ist eine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit der Bewegung, wie sie z.B. durch ein intensives Training der Grundschule und der grundlegenden Trainingsmethoden wie DaoYinGong und ChanSiGong entwickelt werden, hier sehr hilfreich.

III. Die Feinkorrektur der inneren und äußeren Haltung

Sind die Grob- und Feinform der Bewegung erlernt worden, besteht der nächste Schritt darin, die innere und äußere Haltung entsprechend den 10 wichtigen Punkten beim Üben des Taiji zu korrigieren, um u.a. Spannungen und Blockierungen aufzulösen, Körper, Geist und Energie zu zentrieren und eine grundlegende Haltungsstruktur zu etablieren.
Um das realisieren zu können, sollte der Übende sich vorher intensiv durch das Üben der zweiten Stehenden Säule (Yin Yang Zhuang) mit diesen Anforderungen vertraut gemacht haben.

IV. Die Integration der Kreise

Im nächsten Schritt gilt es, den Körper (Arme, Rumpf, Beine), die Bewegung sowie Geist, Energie und Kraft rund werden zu lassen.
Durch die Ausrichtung aller wichtigen inneren und äußeren Komponenten am Kreisprinzip wird die Körperstruktur noch einmal feiner korrigiert. Es stellt sich eine tiefer gehende Stabilität der Haltung ein und die Energieleitbahnen werden nach und nach geöffnet.
Auf dieser Basis kann die Bewegung wieder in einen natürlichen Fluss kommen.

V. Das Unterscheiden von Yin und Yang

Das Unterscheiden von Yin und Yang wird im ersten Schritt durch das Unterscheiden von Fülle und Leere und Öffnen und Schließen realisiert.

Das vorhergehende Training der Beinspiralen erlaubt es dem Übenden, in der Form Fülle und Leere in den Beinen zu unterscheiden.
So gewinnt der Körper seine natürliche Stabilität auch in der Gewichtsverlagerung zurück und der Fehler der doppelten Gewichtung wird vermieden.

Das Öffnen und Schließen wird zuerst in den Armen trainiert und von dort auf den ganzen Körper ausgeweitet.
Damit gewinnt die Bewegung nicht nur an Lebendigkeit, sondern kann auch von außen her den Blut- und Qi-Fluss sowie die Atmung unterstützen.
Auf körperlicher Ebene wird die Zentrierung noch weiter verfeinert.

VI. Die Verfeinerung der Schrittarbeit

Im letzten Schritt der ersten Trainingsphase verfeinert der Übende seine Schrittarbeit durch die Integration des Bogenschrittes so, dass das einmal gefundene Gleichgewicht von Körper und Geist auch in der Fortbewegung erhalten bleibt.

Damit gewinnt die Bewegung nicht nur an dynamischer Stabilität, sondern auch an Ruhe, Kraft und Ausdruck.

Wenn der Übende den Trainingsprozess bis hierher durchlaufen hat, ist er zu einem soliden Verständnis der äußeren Aspekte der Form gelangt und gut für die nun in den nächsten Schritten folgende Vertiefung nach innen hin vorbereitet.

© Europäische TaijiDao Gesellschaft (ETG) - Tobias Puntke M.A. - 2010 - www.TaijiDao.com - Alle Rechte vorbehalten! -