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Ein schwarzer Gürtel im Taiji und Qi Gong?

Über Sinn und Unsinn, Nutzen und Risiken von
Graduierungen in den inneren Künsten –

(von Ausbilder Tobias Puntke)

Beim Lesen des Titels dieses Artikels werden sich dem einen oder anderen Leser vielleicht die Nackenhaare aufgestellt haben.

So etabliert Graduierungen in vielen anderen Kampf- und Wegkünsten auch sein mögen, so fremd muten sie vielen Übenden jedoch im Bereich des Taiji und Qi Gong an, denn schließlich handelt es sich hier um „innere“ Künste, die die Entwicklung des Menschen in den Vordergrund stellen (sollen) und nicht etwa die Verhaftung in „äußeren“ Aspekten, wie Geltung und Selbstdarstellung, wie sie allzu häufig mit solchen Graduierungen assoziiert werden.

Hintergründe – Die innere Struktur des Übungsweges

Warum benutzen dann aber viele Kampf- und Wegkünste überhaupt ein Graduierungssystem?

Wer sich schon das eine oder andere Jahr (oder Jahrzehnt) mit dem Üben oder Unterrichten dieser Künste beschäftigt hat, der stellt unweigerlich fest, dass der Entwicklungsweg über verschiedene Stufen führt.

Nicht jede Erfahrung, Einsicht oder Fähigkeit ist auf jedem Abschnitt des Übungsweges frei verfügbar. Sie haben ihre speziellen Bedingungen, unter denen sie möglich werden und brauchen eine spezielle Grundlage, auf der sie aufbauen können. Fehlt uns diese Grundlage, bleibt der Fortschritt aus.

Aus dieser Beobachtung heraus lässt sich eine geistige Landkarte des Übungsweges zeichnen, die eine Abbildung der natürlichen inneren Logik und Folgerichtigkeit der einzelnen Übungsschritte ist.

Folgen wir dieser inneren Struktur in unserem Üben, so kann es in relativ kurzer Zeit Früchte tragen. Verstehen wir sie nicht, wird auch langes und geduldiges Üben nur wenig Fortschritt bringen.

Suche ich z.B. in meiner Taiji Form nach der klassisch geforderten Qualität, dass meine Bewegungen wie Wasser fließen, kenne aber die Gesetze der Körperausrichtung, des harmonischen Wechsels von Fülle (Shi) und Leere (Xu) und von Öffnen (Kai) und Schließen (He) nicht, habe ich nicht die Fähigkeit, meinen Körper sowie mein Denken und Fühlen zu beruhigen (Jing) und zu entspannen (Song), kann ich mein Qi nicht sinken lassen (Chen) und es bis in die 4 Enden (Si Shao) leiten, so wird mein Bemühen vergeblich sein.

Die Kenntnis dieser Voraussetzungen, der richtigen Reihenfolge ihres Erwerbs und der dementsprechenden Übungsmethoden zu ihrer Erlangung hilft dem Übenden darüber hinaus, seine eigenen Fähigkeiten systematisch zu entwickeln und somit zeit- und kraftraubende Um- und Irrwege zu vermeiden.

Als die äußere Abbildung einer solchen geistigen Landkarte des Übungsweges kann ein Graduierungssystem eine wertvolle Hilfe auf dem Entwicklungsweg sein.

Die Wissenschaft der Transformation

Eine solche Zielgerichtetheit mag den einen oder anderen Praktizierenden irritieren, sind doch Künste wie Taiji und Qi Gong als praktische Disziplinen der daoistischen Philosophie durch ihre Forderung nach „Wuwei“, was oft als „Handeln ohne zu handeln“ übersetzt wird, gekennzeichnet.

Wuwei bedeutet aber eben nicht Untätigkeit, totale Ziellosigkeit oder gar geistige Verwirrtheit. Ein von Wuwei geleitetes Handeln hat auch nichts mit einem beliebigen, willkürlichen Handeln oder desorientiertem Umherstolpern auf den (Irr-) Wegen des Lebens- und Übungsweges zu tun. Wuwei bedeutet vielmehr, nicht gewaltsam in den natürlichen Lauf der Dinge einzugreifen, sondern bei allem was man tut, in Harmonie mit der Natur der Dinge zu sein. Dies ist aber nur möglich, wenn ich der Natur der Dinge gewahr werde.

Dementsprechend geht ein von Wuwei geleitetes Handeln mit einem klaren Verständnis der im Inneren und Äußeren wirkenden Kräfte und ihre Beziehungen einher.

Für unser Üben bedeutet dies, dass ich eine Einsicht in die innere Logik des Übungsprozesses gewinnen muss, dass ich Voraussetzungen und Zusammenhänge erkennen muss, damit mein Üben mit Leichtigkeit und Effizienz zu einer transformierenden Erfahrung werden kann.

Und genau das ist es doch, worum es im Kern allen Übens geht: Transformation!

Wenn mein Üben keine Transformation bringt, welchen Sinn hat es dann?

Der eine oder andere Kenner des Daoismus wird jetzt vielleicht einwenden, dass es auf dem daoistischen Weg nicht darum gehe, etwas zu erreichen. Laotse schreibt dazu ja: „Wer das Lernen betreibt, der mehrt sich Tag um Tag. Wer das Dao kultiviert mindert sich Tag um Tag.“

Meiner Ansicht nach geht es hierbei aber nicht um die Zielrichtung des Übens, sondern um die Übungsmethode. Es geht darum das, was mein ursprüngliches Wesen verdeckt (Übungs-) Tag um (Übungs-) Tag abzutragen. D.h., wir reinigen uns, werden ursprünglich, kehren zur wahren Wesensnatur zurück und dies bedeutet, auf das zu verzichten, was unser wahres Wesen verdeckt. Indem wir verzichten, gewinnen wir etwas zurück. Aber dieses Abtragen und Verzichten ist (erst einmal) ein aktiver und bewusster Prozess. Wie sollte sich sonst auch ein Übungsweg bilden? Wie ist es sonst zu erklären, dass sich die daoistischen Adepten der Gegenwart und Vergangenheit intensivsten, langwierigen und beschwerlichen Meditationsklausuren unterzogen haben und unterziehen, um sich zu kultivieren?

Im Kern des daoistischen Schulungsweges geht es doch darum, das Wesen des Menschen zu erhöhen, es von einer niedrigeren in einer höhere Stufe der Existenz zu erheben und Gesundheit, Vitalität, Kraft und Weisheit (wieder) zu gewinnen. Der Weg dorthin mag freilich in Verzicht bestehen.

Wie kann nun aber innere Transformation gelingen? Wie können wir unseren Körper, unseren Geist, unsere Seele und unsere Energie transformieren? Wie können wir uns bei der verwirrenden Vielzahl von Angeboten auf dem Übungsweg orientieren? Wie können wir als Lehrende die passenden Inhalte für unsere Schüler finden?

Die Antwort auf dem daoistischen Schulungsweg liegt im Stufenkonzept der inneren Alchemie. Sie verfügt als systematische Wissenschaft von der menschlichen Transformation, über das Wissen um die Stufen und Gesetze des Transformationsprozesses.

Die Übungsinhalte einer jeden Stufe lassen sich dabei klar beschreiben und bauen logisch aufeinander auf. Bei Meisterung der jeweiligen Stufe stellen sich bestimmte Zeichen ein, die vom Lehrer wahrgenommen werden können und den Hinweis bieten, dass der Schüler bereit ist zu nächsten Stufe voran zu schreiten. Ein traditioneller Lehrer wird den Schüler erst zur nächsten Stufe weiter führen, wenn klar ersichtlich ist, dass er die vorangehende gemeistert hat.

Viele daoistische Schulen in China verfügen darüber hinaus bis heute über einen schulähnlichen Aufbau, der den Kultivierungsweg, entsprechend dem Stufenkonzept der inneren Alchemie, in verschiedene Lernlevels unterteilt. Verständnis und Können der Schüler werden hier von den Lehrern direkt geprüft. Das Erreichen einer Stufe dokumentiert(e) sich dann z.B. auch in den unterschiedlichen Gewändern der Adepten.

Auch in den inneren Kampfkünsten gibt es diese innere Logik, die es den Meistern und Lehrern erlaubt, den Entwicklungstand ihrer Schüler einzuschätzen und die nächsten notwendigen Übungsschritte zu erkennen. Je nach Persönlichkeit des Lehrers, seinem Könnens- und Kenntnisstand, Schülerschaft und Übungszielen können sich die inneren Landkarten der Lehrer jedoch deutlich unterscheiden.

Die formalen Prüfungen, denen die Meister der inneren Kampfkünste ihre Schülern traditionell unterzogen, um ihren Fähigkeitsstand zu testen, waren meist recht pragmatischer Natur und bestanden in der praktischen Überprüfung der kämpferischen Fähigkeiten der Schüler. Unter diesen herausfordernden Bedingungen wurden unmittelbar die Stärken und Schwächen der Schüler und die Ergebnisse ihres bisherigen Trainingsprozesses offenbar, so dass die Meister den Entwicklungsstand und die nächsten notwendigen Trainingsschritte ihrer Schüler schnell erkennen konnten.

Wie wir sehen, gab es auch in den traditionellen Kultivierungswegen Chinas solche Stufenprozesse und entsprechende Prüfungen zu deren Überprüfung. Einige Traditionen machten den dementsprechenden Übungslevel nach außen hin sichtbar, andere verzichteten darauf.

Wichtig ist jedoch zu wissen, dass viele Schulen und Meister in China die Übungsstufen und deren konkrete Inhalte nicht gegenüber ihren Schülern und schon gar nicht gegenüber Außenstehenden transparent gemacht haben. Die Gründe hierfür liegen wohl irgendwo zwischen methodisch-didaktischen Erwägungen und dem Wunsch nach Geheimhaltung sensibler Informationen.

Aber die Einsicht darin, was notwendig zu tun (oder zu lassen) ist, ist neben der Energie und Entschlossenheit es dann auch umzusetzen, der entscheidende Schlüsselfaktor, um den Übungsprozess erfolgreich zu gestalten.

Das Wissen um die innere Logik des Trainingsprozesses ist also ein Schlüsselwissen, das eine wesentliche Voraussetzung bildet, damit unser Übungsweg uns wirklich gesünder, stärker und weiser machen kann. Fehlt dieses Schlüsselwissen, so gehen mitunter Jahre und Jahrzehnte des Übens ins Land, ohne dass sich wirkliche Fortschritte einstellen.

Eine realistische Selbstprüfung kann an dieser Stelle sehr hilfreich und aufschlussreich sein: Hat uns unser Übungsweg wirklich gesünder und stärker gemacht? Sind wir zu tiefen und lebendigen Einsichten über uns und die Welt gekommen, so dass sich unser Alltagsleben transformiert hat?

Wenn nicht: Sind wir uns im Klaren darüber, auf welchen Schritten wir zum Ziel gelangen und welche (Übungs-) Methoden uns dabei helfen?

Die Führung auf dem Übungsweg

In den traditionellen Schulen der Selbstkultivierung und (inneren) Kampfkunst übernimmt in der Regel der Meister die Führung des Schülers. Da ihm das Wissen um die innere Landkarte des Übungsprozesses in einer authentischen Überlieferungslinie übertragen wurde und somit in ihm lebendig ist, ist er in der Lage, die Schüler auf dem Weg zu führen, ihnen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Inhalte zu vermitteln und sie ggf. auf Irrwege hinzuweisen.

Und hier kommen wir zu einem Hauptproblem für uns Lernende im Westen.

Nur die Wenigsten haben die Chance einer Unterweisung durch einen wirklichen Meister, der in einer lebendigen Traditionslinie steht. Und selbst dort, wo einer verfügbar ist, tun sich meist erhebliche Hindernisse in Form von Sprach- und Kulturbarrieren auf.

Eine solche Kulturbarriere ist z.B. die Unterscheidung zwischen den inneren und äußeren Schülern. Nach klassischem Brauch in China (der bis heute in der Regel ungebrochen fortgeführt wird), werden nur besonders geprüfte und als würdig befundene Schüler in die Linie einer Tradition aufgenommen. Dies bedeutet, dass nur sie in die Geheimnisse eines Stils eingeweiht wurden und werden.

Dies bedeutet z.B. im Bereich der inneren Kampfkünste, dass die meisten Schüler etwa nur die äußeren Aspekte einer Form und damit das Basiswissen gelernt haben. Vertiefungsstufen wie Atmung, Energetik, Anwendungen, etc. die den Schlüssel zu fortgeschrittenen Fähigkeiten und tiefgreifenderen Übungseffekten bilden, waren aber häufig, neben vielen andere Übungsformen, nur den inneren Schülern vorbehalten.

Selbst wenn ein Meister gewillt ist, sein Wissen offen zu teilen, so kann er naturgemäß doch nur eine kleine Anzahl von Schülern persönlich führen.

Die Folge dieser Geheimhaltungskultur ist, dass heute von den wunderbaren und Sagen umwobenen Fähigkeiten der alten Meister meistens kaum noch eine Spur zu finden ist und z.B. Taiji und Qi Gong auf ihre aller grundlegendsten Aspekte, wie Entspannung und das Wohlbefinden, reduziert werden.

Ob wir uns einen solchen „Luxus“ in einer schwierigen Zeit wie heute noch leisten können, ist die Frage.

Unserer Ansicht nach ist es an der Zeit, einer möglichst großen Zahl von Menschen einen Zugang zu dem alten und authentischen Wissen zu ermöglichen, damit über die Entfaltung des individuellen Potentials eines jeden Individuums unsere Gesellschaft von innen her einen Impuls zur Wandlung erhalten kann.

Und genau hier setzt ein gut durchdachtes Graduierungs- und Prüfungskonzept an. Als äußeres Abbild des inneren Trainingsprozesses gewährleistet es einer großen Zahl von Schülern Zugang zu einer authentischen Unterweisung.

Diese wiederum sichert einen größtmöglichen Übungsfortschritt auf dem Weg zu Gesundheit, Stärke und Weisheit.

Sinnvoll aufgebaute Prüfungen, die sich auf ein helfendes Feedback für den Prüfling konzentrieren, helfen dem Übenden, seinen eigenen Stand realistisch einzuschätzen und die notwendigen nächsten Schritte zu erkennen und so seinem Training zusätzliche Motivation und eine klare Richtung zu geben.

Struktur und Freiheit

Jeder Mensch ist individuell und verfügt, wenn er den Übungsweg betritt, über andere körperliche, geistige, seelische und energetische Voraussetzungen.

Dementsprechend gibt es auch viele mögliche Wege zum Ziel, denn der Weg hängt davon ab, wo und unter welchen Voraussetzungen ich ihn beginne.

Ein kompetenter Lehrer wird daher den Schulungsweg individuell an die Bedürfnisse und Fähigkeiten seiner Schüler anpassen. Der Weg ist also so individuell, wie die Menschen, die ihn gehen. Dies ist der klassische östliche Ausbildungsweg und dort, wo man nur für sich übt, für das eigene Wohl und unter der Führung eines erfahrenen Lehrers steht, kann dieser Weg gelingen.

Was aber, wenn ich nicht nur für mich üben möchte? Wenn ich lehren möchte?

Woher nehme ich die notwendige Übersicht über den Übungsweg, um selbst ein guter Führer zu sein? Was kann ich tun, wenn ich nicht beständig unter der Führung eines Meisters oder erfahrenen Lehrers üben kann?

Meiner Ansicht nach führen uns diese Fragen zu einer strukturierten Ausbildung, wie sie z.B. im Rahmen eines Graduierungskonzepts vollzogen werden kann.

Diese Struktur hilft uns, auch ohne die ständige persönliche Anwesenheit eines Meisters große Fortschritte zu machen und Irrwege zu vermeiden. Sie hilft uns, unser Verständnis und unsere Fähigkeiten systematisch zu entwickeln, so dass wir andere auch ohne jahrzehntelange eigene Erfahrung auf dem Übungsweg qualifiziert führen können. Außerdem kann sie uns zu einem systematischen Verständnis unserer Künste verhelfen, das uns über den oftmals engen Rahmen persönlicher Vorlieben und Abneigungen hinaus führt.

Wenn uns eine Unterrichtsstruktur also nicht einengt, sondern uns auf dem Übungsweg stützt und leitet, dann kann sie eine große Hilfe für alle sein, die systematisch Methoden- und Lehrkompetenz erwerben möchten.

Wichtig ist dabei meiner Ansicht nach, dass die Struktur kein Selbstzweck wird, sondern dass sie den Menschen dient.

Risiken und Probleme

Natürlich birgt ein Graduierungskonzept immer auch gewisse Risiken in sich.

So braucht es z.B. eine gefestigte und aufrechte Persönlichkeit des Prüfers und eine enge Verpflichtung zu einem festgeschriebenen Prüfungsstandard, um Willkür, Bevorzugung von Prüflingen auf Grund von persönlicher Sympathie, Machtausübung durch die Prüfungsbefugnis, etc. vorzubeugen.

Auch für die Gruppe der Schüler gibt es gewisse Risiken, wie z.B. Fixierung auf Äußerlichkeiten wie Rangabzeichen (wo sie denn verwendet werden), Gruppendruck und Wettbewerbsmentalität. Dies kann insbesondere dort problematisch werden, wo eine Gruppe zu einem Kult um einen Lehrer oder Meister neigt.

Hilfreich ist hier in der Regel eine Gruppenkultur, die durch die Betonung von Individualität ("Kein Mensch ist gleich!"), positiver Wertschätzung ("Jeder Mensch hat andere Stärken!"), Prozessorientierung ("Ob Schüler, Lehrer oder Meister, wir sind alle auf dem selben Übungsweg!") und auf Seiten der Fortgeschrittenen und Lehrenden durch Demut ("Wahre Größe zeigt sich im Dienst am anderen!") gekennzeichnet ist.

Die vielleicht größte Gefahr eines Graduierungskonzepts besteht aber für einen Teil von uns selbst. Für unser Ego!

Viele von uns, die schon lange üben, stützen vielleicht einen erheblichen Teil ihres Selbstkonzepts und Selbstwerts auf ihre Rolle als Lehrender, Meister oder Könner ihres Fachs.

In einem solchen Fall kann es passieren, dass wir uns von Graduierungen und Prüfungen direkt oder unterschwellig bedroht fühlen, denn sie bedrohen evtl. einen wesentlichen Kern dessen, was wir für unser Selbst halten.

Ein alter chinesischer Spruch sagt: "Eins ist eins und zwei ist zwei!". Das bedeutet, entweder bin ich wirklich ein Könner meines Fachs oder ich bin es nicht. Wenn ich es bin, stellt eine sinnvolle Prüfung für mich keinerlei Bedrohung dar. Wenn ich es nicht bin, habe ich die Möglichkeit, durch die Prüfung wichtige Informationen über meinen Stand zu bekommen und kann somit meinen weiteren Übungsweg besser und effektiver gestalten. Ich habe eine Möglichkeit gewonnen zu lernen!

Auf der anderen Seite besteht natürlich auch das Risiko, dass sich unser Ego im Erfolgsfall mit dem neuen Grad vollkommen identifiziert. Dann antworten wir vielleicht auf die Frage, wer wir sind, mit: "Ich bin Lehrer oder Meister der XY Schule." In einem solchen Fall besteht das Risiko, dass Machtstrukturen und Egoverhaftungen durch Graduierungen aufgebaut und zementiert werden. Dies kann natürlich zu einem Problem für die eigene spirituelle Entwicklung und die einer Gruppe werden.

Dies spiegelt sich meiner Ansicht nach in den auch im Taiji und Qi Gong Bereich weit verbreiteten Schulenstreits wider. Die "spirituellen Adepten" schauen auf "Krieger" und "Gymnastiker" herab. Die "Krieger" nehmen die "Esos" und "Gymnastikfraktion" nicht für voll, usw.

Vielleicht ist die folgende Vorstellung für uns heilsam: Ein winzig kleiner Punkt im Universum sucht nach bestem Wissen und Gewissen nach seinem Weg.

Das sind wir. Und es gibt viele andere kleine Punkte, die ebenfalls nach bestem Wissen und Gewissen nach ihrem Weg suchen. Das sind "die Anderen".

Wir befinden uns alle auf dem selben Weg und auf ihm tut jeder, entsprechend dem was er gerade kann, sein Bestes.

Mir ist bewusst, dass es sich hier um ein sehr heikles Thema handelt und ich wünsche uns allen die notwendige innere Klarheit und Stärke, um mit ihm angemessen umzugehen.

Das Konzept der ETG

In der Europäischen TaijiDao Gesellschaft (ETG) haben wir entsprechend den obigen Überlegungen zwei verschiedene Ausbildungsvarianten eingeführt.

Die "Klassische Ausbildungsvariante" wendet sich an alle Anwender, die für sich selbst üben. In ihr stimmt der Lehrer die Ausbildungsinhalte individuell auf die Bedürfnisse der Schüler ab.

Die "Modulare Ausbildungsvariante" wendet sich an alle, die ihre Fähigkeiten systematisch entwickeln möchten oder aber eine Lehrbefähigung anstreben.

In mehr als vier Jahren intensiver Arbeit haben wir unter der fachlichen Führung von Meister Shen Xijing ein Stufenkonzept entwickelt, das es erlaubt, den komplexen Stoff der inneren Kampfkünste und des Qi Gong nach methodisch-didaktischen Anforderungen geordnet und systematisch zu erlernen.

Im Rahmen von neun Praktikergraden erfolgt die fachliche Ausbildung von den ersten Anfängen bis hin zu den fortgeschrittenen Stufen. Die Grade können mit einer theoretischen und praktischen Prüfung abgeschlossen werden, deren Ziel es ist, dem Prüfling seinen aktuellen Stand zu spiegeln und ihm Hinweise für die nächsten Übungsschritte zu geben.

Darauf aufbauend erfolgt die methodisch-didaktische Ausbildung zur Lehrberechtigung im Rahmen von sechs Lehrergraden.

Bei größeren Ambitionen wird auch der Weg zum Meistergrad, im Rahmen von drei Meistergraden, durch klar definierte inhaltliche Anforderungen, begehbar.

© Europäische TaijiDao Gesellschaft (ETG) - Tobias Puntke M.A. - 2010 - www.TaijiDao.com - Alle Rechte vorbehalten! -