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Eine Frage des Stils - Betrachtungen über den Geist von Tradition und Innovation

(von Ausbilder Tobias Puntke M.A.)


In den Kreisen der inneren Künste stehen sich häufig zwei Lager gegenüber: Auf der einen Seite gibt es die Traditionalisten, die sich auf einen speziellen Stil oder eine Überlie-fungstradition  beziehen und oftmals allein das alte überlieferte Übungsgut ihrer Tradition für wahrhaft und übenswert halten.

Auf der anderen Seite stehen die Modernisten, die versuchen, das alte Übungsgut an die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der heutigen Zeit und Gesellschaft anzupassen.

Die Traditionalisten vertreten häufig die Auffassung, dass der wahre Kern der inneren Künste, der ihren Wert und ihre Wirksamkeit ausmacht, nur in einer ungebrochenen Über-lieferungslinie zu finden ist. Dies geht häufig mit einer großen Skepsis gegenüber den Mo-dernisten und den von ihnen entwickelten Ansätzen einher. Neue Stile, die Einführung neuer oder die Modifikation traditioneller Übungsformen werden von ihnen häufig mehr als nur kritisch beäugt.

Sie folgen damit einer alten chinesischen Tradition, wie sie schon bei Zhuang Zhi (400 v. Chr.) zu finden ist, und die das Wahrhafte immer schon in der Vergangenheit gesucht hat.
Und in der Tat ist dieser Ansatz berechtigt, wenn man einige Hintergründe zum klassischen Unterricht in China kennt.

In allen (inneren) Künsten war es im alten China so, dass nur ausgewählte und intensiv geprüfte Schüler in alle Aspekte der Kunst eingeführt wurden.
Bei ihnen handelte es sich um die so genannten Inneren- oder auch Meisterschüler. Der Großteil der Schüler blieb immer mehr oder weniger an der Oberfläche der jeweiligen Kunst.
Die Gründe hierfür mögen vielfältig gewesen sein und eine Spekulation hierüber erscheint im Nachhinein als müßig.
Entscheidend ist jedoch, dass in der Vergan-genheit einzig und allein die Aufnahme in eine ungebrochene Linie hin zum Begründer der Kunst ein Garant dafür war, gut und tief greifend unterrichtet zu werden.
Man kann wohl davon ausgehen, dass 70 - 80% der zentralen Inhalte einer Kunst nur hinter verschlossenen Türen weiter gegeben wurden.

So wurden z.B. im Taijiquan in der Regel vertiefende Aspekte wie Atmung, Energiearbeit, Kraftübertragung und Kampfanwendungen nur an wenige Ausgewählte weitergegeben.
Dies ist der Grund dafür, dass es viele großartige Geschichten über die Fähigkeiten der alten Meister gibt, aber kaum jemanden, der es ihnen heute gleich tun kann.

Dort wo die Übertragungslinien gebrochen sind, machen sich oftmals aufrichtige Men-schen auf die Suche nach einem eigenen Verständnis und entwickeln so allerhand an neuen Methoden.
Ob diese Bemühungen allerdings die gleiche Tiefe erreichen können, als wenn sie auf die Erfahrungen und das Wissen vieler Generationen von Meistern vor ihnen zurückgreifen könnten, erscheint fraglich.

Insofern ist die Skepsis der Traditionalisten gegenüber den Modernisten und vielen Neu-entwicklungen in den inneren Künsten verständlich und nachvollziehbar.

Die Perspektive der Modernisten hingen gestaltet sich freilich häufig ganz anders.
Häufig sind es logisch und klar denkende Menschen, die sich an wissenschaftlichen Idealen orientieren und ihre Bemühungen an Werten wie Effizienz, Logik und Nachvollziehbarkeit ausrichten.
Oftmals überprüfen sie die ihnen überlieferten Bausteine der jeweiligen Tradition kritisch und versuchen sie an den Bedarf unserer heutigen Zeit und ihrer spezifischen Bedürfnisse anzupassen.

Zu diesem Lager gehören in der Regel sowohl alle Bewegungen hin zur Vereinfa-chung, Systematisierung und wissenschaftlichen Erforschung der inneren Künste.

Häufig begegnen sie Ansätzen und Vorgehensweisen, die sich nicht in vorhandene Denkkategorien einordnen lassen oder vermeintlich im Widerspruch zu einem so genannten „wissenschaftlichen“ Ansatz stehen, mit einer gewissen Skepsis.

Auf der einen Seite bietet ein solcher Ansatz die Möglichkeit, sich von blinder Autoritätshörigkeit und gedankenloser Nachahmung tradierter Konzepte zu befreien und zu einem eigenen authentischen Verständnis zu gelangen.

Auf der anderen Seite birgt er das Risiko, durch die Ablehnung ungewohnter Denk- und Vorgehensweisen, in seinem Horizont recht beschränkt zu bleiben und nicht über die Bah-nen des ohnehin schon Bekannten hinaus zu finden.

Wie wir sehen bergen beide Ansätze Vor- und Nachteile:
Die Traditionalisten dürfen in der Regel mit Recht auf einen Vorsprung durch die (im besten Falle) lückenlose Überlieferung des Wissens vertrauen, können aber bei sehr dogmatischer Ausrichtung Gefahr laufen, an den Notwendigkeiten der Gegenwart vorbei zu gehen.

Unter Umständen finden wir hier sehr gute und fachlich sehr fundierte Antworten, die aber leider nicht zur Frage, d.h. dem Bedürfnis des Übenden in der Gegenwart passen.

Hingegen besteht der Vorteil eines innovativen, modernistischen Ansatzes darin, das er sich meist sehr flexibel an die Bedürfnisse der Gegenwart anpassen lässt und ggf. auch sehr effizient zur Bewältigung der aktuellen Prob-leme und Aufgaben sein kann.
Das Risiko besteht hier freilich darin, dass man durch Wissenslücken auf Irrwege gerät oder unfreiwillig das Rad neu erfindet und damit wertvolle Ressourcen in Form von Zeit und Energie vergeudet werden.

Dieses Dilemma lässt sich nur durch eine integrale Betrachtungsweise lösen. Frei nach dem Motto: Von beidem das Beste!

Der Königsweg wäre es also, in einer ungebro-chenen Überlieferungslinie zu stehen und sich so den Wissensvorsprung der alten Meister zu nutze zu machen.

Vertrauen in die Tradition und der Wille, die traditionellen Konzepte in sich selbst zum Leben zu erwecken, sind daher sehr wichtig!

Gleichzeitig hilft uns aber ein offener, forschender Geist, der auch gewillt ist, das Warum und Wozu der traditionellen Ansätze zu hinterfragen und mit den Notwendigkeiten der Gegenwart abzugleichen, ein eigenes authentisches und zeitgemäßes Verständnis der inneren Künste zu entwickeln.

Auf einer solchen Basis kann Innovation zur Evolution der inneren Künste beitragen.
Denn wie die alten Daoisten schon erkannten, ist das einzig Beständige die Veränderung. Nur wer bereit ist, sich selbst immer wieder zu verändert, der kann als Mensch wachsen.
Veränderung und Weiterentwicklung sind damit Bestandteil einer jeden lebendigen Kunst.

Dies kann man auch sehr gut in den Biographien vieler legendärer Meister der inneren Künste nachvollziehen. Nur diejenigen, die immer wieder bereit waren, das Bekannte zu hinterfragen und weiter zu entwickeln gelangten zu wirklicher Größe.

In der Zen-Tradition gibt es ein schönes Sprichwort: Tritt nicht in die Fußstapfen der alten Meister, sondern suche, was sie suchten!

Was aber suchten die alten Meister? Sie suchten nach immer wirkungsvolleren Möglichkeiten ihre Gesundheit zu schützen, sich vor Gefahren zu bewahren und zu einer Einsicht in ihr eigenes innere Wesen und das Wesen der Welt zu gelangen.
Entsprechend der ihnen zur Verfügung ste-henden Quellen, ihrer Persönlichkeit und Motivation bildeten sich so individuelle Übungs- und Lehrsysteme, die manchmal auch zu eigenen Stilen und Schulen wurden.

Das Wesentliche bei all dem scheint aber nicht das Alter des Stils, die Fähigkeiten die dem Begründer zugeschrieben wurden oder etwa der klangvolle Name einer Familientradition zu sein.
Das Wesentlich ist,  ob uns unser Üben wirklich unseren Zielen näher bringt! Macht es uns gesünder und vitaler? Hilft es uns vor Gefahren zu schützen und diese ggf. effektiv abzuwehren? Ermöglicht es uns, uns selbst und die Welt zu erkennen?

Wenn wir diese Fragen bejahen können, dann ist unser Training sinnvoll! Wenn nicht, dann kann das auch kein guter Name des Lehrers oder Stils oder die alt ehrwürdige Übungstradition ausgleichen.

Dem indischen Yoga-Meister Paramahansa Yogananda wird die Ermahnung an seine Schüler zugeschrieben, nicht den Weg mit dem Ziel zu verwechseln.
Eine Einstellung, die uns allen sehr nützlich sein kann. Sie lenkt unseren Fokus weg von den Gedanken an Abgrenzung, Unterscheidung nach Stil, Übungstradition oder sogar nationaler Herkunft unserer Übungstradition und hin zum wirklich Wesentlichen unseres Übens: Der Entwicklung als ganzer Mensch!

Die Frage ist also nicht: Welchen Stil betreibe ich? Sondern: Wozu befähigt mich das Training dieses Stils?

Genau diese Gedanken haben seit jeher Meister Shen Xijing bei der Schaffung des TaijiDao-Systems beeinflusst.

Tief verwurzelt in den alten Überlieferungen, wie sie sich in Form der alten Übungstheorie und der traditionellen Übungsmethoden (GongFa’s) ausdrücken, aber gleichzeitig voller Drang, das wirklich Wirksame und Nutzbringende daran herauszufiltern, zu verfeinern und für die Belange der heutigen Zeit nutzbar zu machen.
Es ist die Aufgabe der ETG, diese Kultur des Denkens und Handelns weiter zu pflegen, zu verfeinern und zu verbreiten.

 

(C) Das Urheberrecht für diesen Artikel liegt bei der Europäischen TaijiDao Gesellschaft (ETG).
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