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Tuna Gong - Die daoistische Kunst der Atemschulung

Tuna Gong - Die daoistische Kunst der Atemschulung

(von Ausbilder Tobias Puntke)

 
Die westliche Perspektive

Die Atmung ist eine der wichtigsten physiologischen Prozesse im menschlichen Körper. Und obwohl uns unsere Atmung vom ersten Atemzug nach der Geburt bis hin zum letzten Atemzug auf dem Sterbebett begleitet, wissen wir meist doch wenig über ihre Bedeutung und Funktion.

Dabei ermöglichen erst die Aufnahme von Sauerstoff über die Lungen in den Körper (äußere Atmung) und seine Einschleusung in alle unsere Zellen (innere Atmung) und die auf dem umgekehrten Weg ablaufende Abgabe von Stoffwechselschlacken, wie Kohlendioxid, die vielfältigen Stoffwechselprozesse und Funktionen unseres Körpers, die wir dann als körperliche Lebendigkeit erleben.
Nur durch diesen Austausch werden die vielfältigsten Lebensäußerungen unseres Körpers erst möglich.
Wie wichtig dieser Austausch für uns ist, sieht man z.B., wenn er durch einen Gefäßverschluss in Hirn oder Herz unterbunden wird und unser Leben in kürzester Zeit in Form eines Herz- oder Hirninfarktes (Schlaganfall) bedroht wird.
Außerdem ist der Grad der möglichen Sauerstoffaufnahme (VO2max) einer der wesentlichen Faktoren für unsere (körperliche) Leistungsfähigkeit.
Ein optimaler Austausch von Sauerstoff und CO2 in allen Zellen unseres Körpers ist also nicht nur ein wesentlicher Garant für Gesundheit und Wohlbefinden, sondern auch ein Gradmesser unserer Vitalität und Leistungsfähigkeit.

Unsere Atmung ist darüber hinaus eng mit der Funktion unseres vegetativen Nervensystems verknüpft. Dieses verfügt über zwei konträr wirksame Kräfte: Den Sympathikus, der uns auf Leistung und Belastung einstimmt und unter anderem die Atmung intensiviert und beschleunigt und den Parasympathikus, der für Erholung und Regeneration zuständig ist und unter anderem unsere Atmung verlangsamt und entspannt.

Das Wechselspiel dieser beiden Anteile unseres Nervensystems steuert den Wechsel von Aktivität und Passivität, von Anspannung und Entspannung, von Belastung und Erholung und von Ein- und Ausatmung in uns.
Das vegetative Nervensystem hat damit also die Funktion eines Taktgebers in uns. Es steuert unseren inneren Rhythmus und den Wechsel der komplementären Zustände unseres Körpers.
Wird ein Teil für eine längere Zeit zu dominant, entstehen die verschiedensten funktionellen Probleme in allen angeschlossenen Körperbereichen.
Diese können die Basis für körperliche und geistige gesundheitliche Probleme bilden.

Ein harmonischer vegetativer Rhythmus ist daher ein wesentlicher Garant für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.

Da die Aktivität von Sympathikus und Parasympathikus wiederum durch unsere Empfindungen und Gefühle auf geistiger und seelischer Ebene gesteuert wird, ist unsere Atmung außerdem ein untrügerischer Indikator unserer geistig seelischen Verfassung. Auf der anderen Seite können wir über unsere Atmung aber auch die Aktivität von Sympathikus und Parasympathikus steuern und damit Einfluss auf die Aktivierung oder Beruhigung unseres Geistes und unserer Seele nehmen.

Daher sagt auch ein altes Sprichwort: „Du atmest, wie Du bist und Du bist, wie Du atmest!“

Die östliche Perspektive

Seit Jahrtausenden beschäftigen sich daoistische Adepten mit der Wissenschaft der Gesundheit und Langlebigkeit und somit verwundert es nicht, dass sie ein immenses Wissen zur Bedeutung der Atmung für Körper, Geist und Seele zusammen getragen haben und viele fundierte Übungsmethoden zur Nutzbarmachung dieses Wissen entwickelt haben.

Die Kunst der Atemschulung (chin. Tuna Gong) ist daher eine der ältesten Methoden der Wissenschaft der Langlebigkeit und Gesundheitserhaltung, die wir heute unter dem Namen Qi Gong kennen.
Es wird bereits im „Klassiker des Gelben Kaisers zur Innere Medizin“ (ca. 200 v. Chr.) erwähnt.

Das chinesische Wort Tuna Gong setzt sich aus den Schriftzeichen 吐 - Tu („sich erbrechen, etwas erworbenes herausrücken“), 纳 - Na („einlassen, aufnehmen, akzeptieren“) und 功 - Gong („Können, Fertigkeit, Geschicklichkeit“) zusammen. Es bezieht sich auf die Fähigkeit, das dem Leben Hinderliche auszuscheiden und das dem Leben Förderliche aufzunehmen.
Sinngemäß könnte man Tuna Gong daher als „Die Kunstfertigkeit des Ausscheidens von Verbrauchtem und Aufnehmens von Förderlichem“ übersetzen.
Dies bezieht sich unter anderem auf die Fähigkeit, unser Qi zu reinigen und zu stärken.

Aus Sicht der Chinesischen Medizin lassen sich hiermit zwei Arten von Problemen beheben, nämlich so genannte Fülle- und Leere-Zustände.
Fülle und Leere sind zwei der so genannten acht Leitkriterien in der TCM, die uns helfen, Art und Ausprägung einer Krankheit oder eines Ungleichgewichtes zu erkennen.
Fülle bedeutet hier ein Zuviel an krankmachendem Qi (Xie Qi) und Leere einen Mangel an stärkendem Qi (Zheng Qi).

Schon Laotse weist uns im Daodejing auf die günstigste Methode hin, mit solchen Problemen umzugehen: „Das Dao mehrt was fehlt, und fügt hinzu was mangelt.“
Leiten wir dementsprechend das krankmachende und schwächende (Qi) aus und mehren das förderliche und stärkende (Qi), so können unser Körper, unser Geist und unsere Seele wieder in einen harmonischen Gleichgewichtszustand finden und Gesundheit, Wohlbefinden und innere Kraft können sich natürlich einstellen.

Dies ist auch von großer Bedeutung für die ganze Übungspraxis.
Mangelt es uns an Qi oder haben wir zuviel Verbrauchtes und damit Hemmendes in uns, wie soll sich da der Übungsweg entfalten? Wie sollen sich die erhofften Wirkungen einstellen?

Daher ist es für jeden Übenden wichtig, sich mit Hilfe des Tuna Gong zu reinigen und zu stärken. Dies gilt z.B. insbesondere dann, wenn sich durch Krankheiten oder belastende Lebensumstände unsere inneren Kraftreserven aufgezehrt haben und sich vermehrt verbrauchtes Qi in uns angelagert hat.
Die so gewonnenen Kraft und Reinheit wird alle anderen Übungsformen katalysieren und große Fortschritte ermöglichen

Im Detail verfolgt das Tuna Gong folgende Ziele:

1. Reinigung und Stärkung der drei Schätze und der drei Dantian

Die drei energetischen Grundbausteine (chin. San Bao – „Drei Schätze“) Jing („Essenz“), Qi („Energie“) und Shen („Geist“) sind die Grundlage unseres Lebens.
Sind sie reichhaltig und rein in uns vorhanden, so können sich unsere Kraft, Gesundheit und Weisheit entfalten.
Daher ist das wesentliche Ziel des Tuna Gong, über spezielle Atemmethoden die drei Dantian als Speicherorte von Jing, Qi und Shen und damit die drei energetischen Grundsubstanzen selbst zu reinigen und zu stärken.
So kann über die Methoden des Tuna Gong das Jing im unteren Dantian, das Qi im mittleren Dantian und das Shen im oberen Dantian gereinigt und angereichert werden.

2. Reinigung, Stärkung und Bahnung der 5 Engpässe

Die fünf Engpässe (chin. „Wu Guan“ – Augen, Ohren, Nase, Mund und Rachen) sind die großen Schlüsselstellen, über die die Aufnahme und Abgabe von Jing, Qi und Shen geschieht.
So wird die Essenz z.B. auch in Form der Nahrung über unseren Mund  aufgenommen, das Qi der Luft nehmen wir über die Nase auf und die geistige Energie erreicht uns über Augen und Ohren.
Das Tuna Gong erlaubt es nicht nur, die 5 Tore selbst zu reinigen und zu stärken und somit Probleme in diesem Bereich zu beseitigen, sondern verhilft uns auch zu einer bewussten Kontrolle über die Aufnahme und Abgabe von Jing, Qi und Shen.

3. Reinigung und Stärkung der innere Organe

Die inneren Organe stehen jeweils in Verbindung mit einer Körperöffnung. So spiegelt sich der Zustand des Organs nicht nur im Zustand der Körperöffnung, sondern wir können auch über das Training der Körperöffnungen die inneren Organe positiv beeinflussen.
Dabei lassen sich über die Betonung von Ein- und Ausatmung Fülle- und Leere-Zustände gezielt harmonieren.

4. Reinigung und Stärkung der drei Abschnitte

In der daoistischen Übungstradition unterteilt man den Körper in drei Abschnitte (San Jie/San Ti). Der Bereich des Kopfes und des Nackens gehört zum oberen Bereich (Himmel) und wird vom Shen kontrolliert.
Der Bereich des Rumpfes, inklusive Brust, Bauch und Rücken gehört zum mittleren Bereich (Mensch) und wird vom Qi kontrolliert.
Der untere Körperbereich (Erde) umfasst Becken, Hüften, Beine und Füße und wird vom Jing kontrolliert.
So wirken sich nicht nur Ungleichgewichte in einem der drei Schätze auf den zugehörigen Körperabschnitt aus, sondern können auch durch deren Harmonisierung wieder geheilt werden.
Das Tuna Gong bietet uns also auch weit reichende Möglichkeiten zur Harmonisierung des ganzen Körpers.

5. Harmonisierung von Yin und Yang

Der harmonische Wechsel von Yin- und Yang-Zuständen in uns ist von der Ausprägung der Yin- und Yang-Kräfte in unserem unteren Dantian abhängig. Disharmonien in diesem Bereich können die Ursache für Ungleichgewichte und damit Probleme in allen anderen Bereichen unseres Energiesystems sein (vgl. Ausführungen zu Sympathikus und Parasympathikus).
Die Methoden des Tuna Gong können helfen, diese Ungleichgewichte zu behe-ben und damit die Grundlage für eine harmonische Ausprägung und einen harmonischen Wandel von Yin und Yang in uns schaffen.

6. Kontrolle über Aufnahme und Abgabe

Genauso wie wir beständig über unsere Atmung Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxid abgeben, interagieren wir auf der Ebene des Qi ständig über unsere Körperöffnungen mit unserer Umwelt.
Je nach Qualität und Quantität des aufgenommenen und abgegebenen Qi verfügen wir dann auch über reichlich oder wenig, reines oder verbrauchtes Qi. Das Tuna Gong hilft uns, dieser natürlichen Prozesse nach und nach wieder gewahr zu werden und uns so immer mehr auf das Leben und die innere Kultivierung förderlicher Qi Qualitäten auszurichten.

So werden wir nicht nur in die Lage versetzt, hemmende Qi-Qualitäten in uns wahrnehmen und ausscheiden zu können, sondern wir werden auch lernen, die Faktoren unserer Umwelt, wie Atemluft, Essen, Übungsplätze, etc. diesbezüglich einschätzen zu können und zunehmend hinderliche Faktoren von uns fern zu halten und uns positive zuzuführen.
Diese Fähigkeit ist in einer Zeit, in der Umweltverschmutzung, Nahrungsmittelverseuchung, Lärmbelastung und Informationsüberflutung alltäglich geworden sind, von unschätzbarem Wert.

Anwendungsfelder:

Die durch das Training des Tuna Gong erworbenen Atemfähigkeiten sind in einer Vielzahl von Anwendungsfeldern sehr hilfreich.
So bildet die Integration der Atemfähigkeiten eine wichtige Vertiefungsstufe für die Formen der inneren Kampfkünste und die Übungssysteme des Qi Gong, wie z.B. Daoyin Gong und Chansi, und erlauben in der kämpferischen Anwendung erst die richtige Kraftentfaltung (Fajin).
Außerdem bilden sie eine wichtige Voraussetzung für (daoistische) Fastenpraktiken (Bigu Gong) und die Übungswege des sexuellen Qi Gong (Fuqi Wo Gong).
Auf fortgeschrittenem Level kann das Tuna Gong dazu benutzt wer-den, um das Qi von Kräuterarzneien, Pflanzen, Speisen und Tee einzuschätzen und aufzu-nehmen.
Dies sind nur einige exemplarische Anwendungsfelder.

In den tiefen dieser anscheinend einfachen Methode liegen noch viele wunderbare Entdeckungen und Anwendungsmöglichkeiten verborgen.

Obwohl die Methoden des Tuna Gong einfach und schnell zu lernen sind, braucht die volle Entfaltung der Atemkraft doch Zeit, konsequentes Studium und qualifizierte Anleitung.

 

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